
Was wäre eigentlich, wenn jemand versuchen würde, das Aussehen der eher lieblos gestalteten Zürcher Fahrplan-Aushänge in Zürich an das ansonsten sehr sorgfältige Design des Öffentlichen Verkehrs anzupassen? Here we go!
Sie hängen an hunderten Haltestellen und werden von Tausenden Menschen jeden Tag bewusst oder unbewusst wahrgenommen: Die Rede ist von den Fahrplanaushängen des öffentlichen Verkehrs im Kanton Zürich. Sie enthalten alle nötigen Informationen und tun den Job. Nur leider sind sie weder besonders übersichtlich noch besonders hübsch.
Alles begann mit einer weiteren Fahrplanänderung. Wie in anderen Städten auch wechseln die Abfahrtszeiten ab meiner Tram-Haltestelle mehrmals am Tag – so, dass ich sie mir nicht merken kann. Nachdem ich zwei Jahren voller knapp verpasster Tramabfahrten musste etwas ändern. Die einfachste Lösung: Die Tram- und Busfahrpläne der nächstgelegenen Haltestellen neben der Wohnungstür aufhängen. Leider gab es ein klitzekleines Problem. Die Fahrpläne sehen so aus:
Ein A3-Blatt mit scheinbar zufällig angeordneten Elementen, unterschiedlichen Schriftarten, Schriftschnitten und einem Potpurri aus Schriftgrössen. Unmotiviert abgerundete Ecken, seltsame Pastellfarben, komplizierte Fussnoten und unübersichtliche Tabellen mit Zeilenumbrüchen. Um fair zu bleiben: Inhaltlich erfüllt das Dokument alle Anforderungen aus Richtlinien und Verordnungen. Grafisch hingegen erfüllt es meine Ansprüche nicht. Oder würdest du dir diese Fahrpläne offen in einen Raum hängen, den du ansonsten mit sorgfältig ausgesuchten Bildern oder anderen Einrichtungsgegeständen dekorierst? Eben.
Ich war mir ziemlich sicher, dass es für diese Aufgabe schönere Darstellungsformen gibt. Ein Blick in andere Schweizer Grossstädte bestätigte mich in dieser Haltung. Die Haltstellenfahrpläne von St. Gallen, Basel oder Luzern überzeugen mich ästhetisch zwar ebenfalls nicht vollumfänglich, zeigen aber doch ein deutlich sorgfältigeres und zum Teil auf das Corporate Design der Unternehmen abgestimmtes Design.
Der Fahrplan als «Speisekarte» des ÖV
Der Fahrplan ist – zusammen mit dem Liniennetzplatz, aber dieses Fass öffnen wir heute nicht – die Speisekarte des Öffentlichen Verkehrs. Er soll den Appetit auf eine Bus- oder Tramfahrt anregen. Wenn ich mir aber meine Abfahrtszeit auf einem übersichtlichen, lieblos gestalteten Blatt Papier mühsam raussuchen muss, hat die Speisekarte erhebliches Verbesserungspotential.
Die „grosse“ Eisenbahn hat das längst verstanden. Die in den 1980er-Jahren von Josef Müller-Brockmann gestalteten und seither in unzähligen Iterationen weiterentwickelten gelben Abfahrtsplakate sind längst ikonischer Bestandteil der Eisenbahnwelt geworden. Warum also soll das nicht auch im Nahverkehr funktionieren?
P. Berger via Wikipedia (CC BY-SA 2.5)
Fahrplan für Zürich
Ich habe mir deshalb überlegt, wie ein übersichtlicher und für mich optisch ansprechender Haltestellenfahrplan aussehen müsste, damit ich ihn mir als nützliches Gadget und als Symbol für meine Verbundenheit zum ÖV in die Wohnung hängen würde. Interessiert? Im Foglenden führe ich euch durch meine Überlegungen für meinen Fahrplan für Zürich.
Motivation
Am bestehenden Design störten mich verschiedene Dinge. Allen voran die Zeilenumbrüche in den Fahrplantabellen und der Wildwuchs an Schrifttypen, -grössen und -schnitten sowie Farben. Und die Darstellung war mir zu generisch: Ich wünschte mir etwas, das sich optisch mehr nach Zürich anfühlt.
Resultat
Und das ist meine Lösung: Querformat statt Hochformat, ein neues Design angelehnt an eine Zürcher ÖV-Ikone, sorgfältigere Typografie, ohne Zeilenumbrüche und mit ein paar kleinen Details, zu denen ich gleich komme.
Querformat statt Hochformat
Zuerst: Weshalb der Wechsel zum Querformat? Mein wichtigstes Anliegen war es, die Zeilenumbrüche loszuwerden. Eine Stunde sollte komplett auf einer Zeile Platz finden, das war das Ziel.
Dabei gilt es, eine kleine, aber typografisch unangenehme Nebenbedingung zu erfüllen: Die Verordnung über die hindernissfreie Ausgestaltung des öffentlichen Verkehrs regelt in Art. 5, Abs. 5 dass die Schriftgrösse bei den relevanten Informationen nicht kleiner als 4mm (Höhe Grossbuchstaben) oder 16 Punkt betragen darf. Das Gesetz lässt hierbei etwas Interpretationsspielraum, da 16 typografische Punkt eigentlich 5.6mm entsprechen. Ich entschied mich für eine Versalhöhe von 4mm.
Wer nun berücksichtigt, wie breit eine durchschnittliche Ziffer mit 4mm Versalhöhe ist und wieviele Abfahrten pro Stunde in Zürich typischerweise stattfinden, kommt schnell zum Schluss: Sobald Fussnoten oder Zusatzkurse ins Spiel kommen, passen unmöglich alle Abfahrten auf eine Zeile auf einem A3-Blatt im Hochformat. Um Zeilenumbrüche auszuschliessen und die minimale Schriftgrösse einzuhalten, bleibt nur der Wechsel zum Querformat.
Alt vs Neu
Hier nochmals der Vergleich: Links die heute verwendete, offizielle Darstellung im Hochformat, mit Zeilenumbruch von 10 bis 19 Uhr am Samstag. Rechts derselbe Fahrplan im neuen Layout im Querformat – ganz ohne Zeilenumbrüche. Und mit grösseren Farbflächen für die tollen VBZ-Linienfarben. Aber dazu später mehr.
Schauen wir uns einige Beispiele und grafische Kniffe im Detail an:
Taktabhängige Darstellung
Vielleicht ist es euch beim Vergleich oben schon aufgefallen: Das heutige Design listet die Abfahrtszeiten linksbündig auf. Alle Stunden mit z.B. 8 Abfahrten machen damit den Eindruck eines regelmässigen 7,5-Minuten-Takts. Aber das kann täuschen – manchmal fahren zwei Kurse unmittelbar nacheinander und danach länger keiner mehr. Für die Angebotsqualität macht dies einen grossen Unterschied. Um diesen zu verdeutlichen, ordne ich die Abfahrtszeiten in der Zeile ungefähr relativ zu ihrer Position auf der Zeitachse (Minute 0 bis Minute 59) an. Unmittelbar aufeinander folgende Fahrten sind so z.B. gut zu erkennen. Das Taktmuster wird damit auf einen Blick ersichtlich – ebenso Taktwechsel, Ausdünnungen und Verstärkungskurse.
Verbesserte Lesbarkeit
Die Schriftgrösse in der Fahrplantabelle entspricht den oben erwähnten 4mm. Diese Bedignung erfüllen auch die bestehenden Aushangfahrpläne. Hingegen habe ich auch die Perlschnur neu angeordnet und gestaltet. Dadurch konnte ich die Schrift dort ebenfalls vergrössern und den Kontrast verbessern (schwarz auf weiss statt schwarz auf Farbe).
Darstellung ohne Zeilenumbrüche
Der Wechsel zum Querformat schafft auch sonst viel mehr Platz. Neu können problemlos bis zu 12 Abfahrten pro Stunde auf einer Zeile dargestellt werden – mit einer Anpassung der Spaltenbreite zu Lasten von Samstag und Sonntag sogar 16. Häufiger fährt in Zürich kein Bus und kein Tram.
Fokus auf das Wesentliche
Diese Grössenverhältnisse lassen sich auch quantifizieren. Im heutigen Design nimmt die Fahrplantabelle ca. 40% der Fläche eines A3-Blattes ein. Bei meinem Vorschlag konnte ich dies auf ca. 50% erhöhen.
Vereinfachte Fussnoten
Die heutigen Fahrpläne weisen zum Teil viele Fussnoten und Fussnoten-Kombinationen auf. Sie machen den Fahrplan schwer lesbar und sind vermutlich eine Konzession an die automatische Erstellung. Ich habe manuell aufgeräumt und komme in den bislang testweise gestalteten Tabellen mit weniger Fussnoten aus. Für die übersichtliche Darstellung des freitagabendlichen Taktwechsels zum Samstagsfahrplan ab 22 Uhr, der temporär ausgesetzt ist, aber nächstes Jahr voraussichtlich wieder eingeführt wird, gibt es auch schon Ideen. Mehr dazu vielleicht später in diesem Jahr.
Flexibles Rastersystem
Etwas Hintergrund: Die Seite ist in einem 8 x 16-Raster aufgebaut. Die Spalten der Fahrplantabellen können im Raster variiert werden. Etwa in dem Beispiel hier, wo samstags nur 4 Kurse/h verkehren und damit der Spalte «Montag bis Freitag» zulasen der Samstags-Spalte mehr Platz eingeräumt werden kann.
Den Takt im Blick
Ich konnte es nicht lassen, dieselbe Darstellung auch für S-Bahnen auszuprobieren. Dank der zeitabhängigen Darstellung der Abfahrten ist hier, auf der Uetlibergbahn S10, der tagsüber gefahrene 10-20-Minuten-«Hinketakt» auf einen Blick erkennbar.
Verneigung vor einer Design-Ikone
Last, but not least: Das Design mit dem farbigen Titelbalken und den grossen Liniennummern ist eine Verneigung vor meinem liebsten Zürcher Design-Element im Strassenraum: Den ikonischen Haltestellentafeln, gestaltet vom Atelier Ernst+Ursula Hiestand in den 1970er-Jahren.
Wer sie nicht kennt: Das sind die Haltestellentafeln des Haltestellen-Informationssystems 76. Sie sind nicht nur seit bald 50 Jahren eine Konstante im Zürcher Stadtbild, sondern auch eines der wahrscheinlich weltweit klarsten und saubersten ÖV-Leitsystemen.
Wer mit offenen Augen durch Zürich läuft, hat es vielleicht bereits erkannt: Die Haltestellentafeln gibt es mittlerweile in drei leicht unterschiedlichen Designs. Meine Umsetzung imitiert die Originalversion mit den dickeren Schriftschnitten und grösseren Nummern. Diese spricht mit optisch deutlich mehr an, als die seit den 2010er-Jahren verwendete modernisierte Version mit dünneren Schnitten und kleineren Liniennummern. Gut erkennbar auf dem Foto hier: Die Linie 8 ist im neuen Design, die Linien 11 und 15 im alten Design beschildert.
Typographie
Als Schrift kommt die Neue Haas Grotesk zum Einsatz. Ich weiss, dass es lesbarere Fonts gibt, die Wahl ist eine Konzession an das VBZ-Design. Von den mir bekannten digitalen Schrifttypen ist es jene, die der originalen, analogen Helvetica – wie sie auf den Haltestellenschildern und Tram-Rollbändern verwendet wurde – am nächsten kommt.
«Halbe» Ausghänge für Stunden- und Halbstundentakte
Eines noch: Im Zuge des Designprozesses wurde ich von einem Kollegen zurecht darauf hingewiesen, dass ein so breiter Aushang für Linien mit Stunden- und Halbstundentakt völlig übertrieben ist. Das ist unzweifelhaft richtig und darauf zurückzuführen, dass mein Design explizit für den Stadtverkehr mit vier, sechs oder acht Abfahrten pro Stunde ausgelegt wurde. Ich arbeite aber bereits an einer «halben» Version für Überlandlinien mit dünneren Takten. Damit bin ich noch nicht völlig zufrieden, Work in Progress.
Zwei Herausforderungen
Neben all diesen, wie ich meine, Verbesserungen zum heutigen Zustand gibt es auch zwei Herausforderungen, die ich nicht verschweigen möchte. Die eine ist die Automatisierung: Die taktabhängige Darstellung der Abfahrten und die Zusammenfassung von Fussnoten wird von den heute verwendeten Softwarelösungen sehr wahrscheinlich nicht unterstützt. Eine automatische Generierung solcher Fahrplantabellen steht die Entwicklung eines neuen Algorithmus und möglicherweise etwas manuelle Korrekturarbeit bei den Fussnoten voraus.
Zweitens: Die ursprünglichen Aushangkästen des Haltestellen-Informationssystems 76 waren quadratisch und damit maximal flexibel. Mit einer vertikalen statt horizontalen Anordnung der verschiebbaren orangen Balken könnte problemlos auf querformatige Fahrplanaushänge gewechselt werden. Mit der Zunahme der Anzahl Linien und Aushängen wurde jedoch mit der Zeit von der quadratischen Form abgewichen und hochformatige Aushangkästen eingeführt – massgeschneidert auf das DIN-Hochformat. Bei einem Wechsel auf querformatige Aushänge können diese Kästen nicht mehr gleich effizient ausgenützt werden – es passen weniger Aushänge hinein, die Aushangkästen müssten ersetzt werden.
Fazit
Das war die kurze Tour durch meinen neuen «Fahrplan für Zürich». Wird er jemals in den Fahrplankästen der Stadt hängen? Vermutlich nicht, weil die Automatisierung schwieriger ist und das Format nicht zu den hochformatigen Aushangkästen passt. Hängt er aber in meiner Wohnung und erfreut mich jedes Mal, wenn ich zur Tür raus gehe: Absolut!
P.S.: Liebe Bernmobil, BVB, BLT, VBSG, VBL, TL und TPG: Eure Aushangfahrpläne erfüllen, ausgedruckt im A3-Format, die Schriftgrössen-Bedingung noch nicht. Ich bin überzeugt, es gibt die Möglichkeit auf Basis des hier vorgestellten Fahrplans für Zürich auch einen Fahrplan für Bern, Basel, etc. zu gestalten. Mit lokalem Bezug und besserer Lesbarkeit.
Die auf dieser Seite dargestellten Grafiken sind in einer kurzen Broschüre zum Fahrplan für Zürich zusammengefasst.
Der Fahrplan für Zürich wurde zuerst auf Mastodon vorgestellt. Dieser Website-Artikel ist eine leicht ergänzte und ausformulierte Version des Mastodon-Threads.






